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Der digitale Garten als Spiegelbild neurodivergenter Denkweise

Ein digitaler Garten ist nicht nur eine publizistische Form, sondern auch ein Werkzeug, das sehr gut zu neurodivergenten Denk- und Arbeitsweisen passt. Warum das so ist und welche neuronalen Prozesse er unterstützt, erfährst du hier.


Bist du neu hier? Dann empfehle ich dir, zuerst meinen allgemeinen Artikel über digitale Gärten als Alternative zum klassischen Blogging zu lesen. Dort erfährst du die Grundlagen.

Disclaimer: Ich schreibe hier vorwiegend auf Basis meiner eigenen Erfahrung und Reflexion als Autistin und Designerin sowie einiger unterstützender theoretischer Konzepte. Die Wahrnehmung und Denkweise von neurodivergenten Personen ist vielfältig und ich möchte nicht pauschalisieren. Dieser Text soll inspirieren und einen möglichen Lösungsweg (von vielen) zum Wissensmanagement anbieten.

1. Neurodivergentes Denken ist nicht linear

Viele neurodivergente Menschen denken anders organisiert. Die Gedanken sind oft sprunghaft, assoziativ (= Verknüpfung von Vorstellungen und Gedanken), laufen parallel, sind impulsiv und/oder stark vernetzt. Gedanken entstehen also oft durch:

„Das erinnert mich an …“ → Ähnlichkeiten und Mustererkennung (externer Link)

„Das hängt irgendwie damit zusammen …“ → Assoziationen und Verbindungen

„Das habe ich schon mal in diesem Zusammenhang gehört…“ → Kontextwechsel und kreative Rekombination

Wenn ich aber mit einer neurodivergenten Freundin mich zweiwöchentlich zum Online-Lunch treffe und wir unmaskiert quatschen, dann kommen wir von Haustieren zur Gesellschaftskritik zum Mittagessen kochen zu unserer letzten Therapieerfahrung zu Politik und wieder zurück.

Von außen wirken solche Gedankensprünge oft wie „Abschweifen“, als „unstrukturiert“ oder „Ich-bezogen“. Und manchmal auch anstrengend.

Im digitalen Garten werden unsere vernetzten Gedankensprünge also bewusst sichtbar gemacht. Zwischenpfade, Seitentriebe und Rücksprünge sind ausdrücklich erlaubt. Nichts geht verloren.

GOOD TO KNOW

Was ist Neurodivergenz?

Neurodiversität bezeichnet ein Konzept, das unter anderem Autismus-Spektrum-Störungen (ASD), ADHS, Legasthenie und Dyspraxie einschließt. Anstatt diese neurologischen Unterschiede als Störungen zu betrachten, versteht es sie als natürliche Varianten menschlichen Denkens, aus denen besondere Perspektiven und Problemlösungsansätze entstehen können.

Eine detailliertere Zusammenfassung der Thematik kannst du hier lesen (externer Link).

Digitale Gärten unterstützen Netzwerkdenken

Im Gegensatz zu klassischen Wissenssystemen oder publizistischen Formen (wie z. B. ein klassischer Blog) unterstützt ein digitaler Garten das Denken in Netzwerken. Denn er ist:

  • Vernetzt: Die Beiträge sind untereinander thematisch verlinkt (ähnliche wie bei Wikipedia). So entsteht ein dynamisches Netz aus Wissen, das nie abgeschlossen ist.
  • Wachsend: Texte verändern sich, werden länger, tiefer und immer wieder mit neuen Gedanken oder Erkenntnissen aktualisiert. Der digitalen Garten erlaubt unfertige Gedanken und mehrere Zugänge zu einem Thema (wie zum Beispiel dieser Beitrag eine andere bzw. erweiterte Sichtweise zu diesem Beitrag darstellt).
  • Explorativ: Ein digitaler Garten soll in keiner chronologischen Reihenfolge gelesen werden, sondern zum Erkunden anregen. Er macht Denkwege sichtbar. So wird bei mir zum Beispiel eine Notiz irgendwann zu einem Impuls oder einem Essays).

Der digitale Garten funktioniert deshalb nicht nur als nettes Format, sondern als externe kognitive Infrastruktur für die vielen losen Gedanken, die sich so in meinem (und vielleicht auch deinem) neurodivergenten Gehirn tummeln.

Um das zu verstehen, lohnt sich ein Blick auf ein paar zentrale neuronale Prozesse:

2. Exekutive Funktionen entlasten

Exekutive Funktionen sind Steuerungsprozesse im Gehirn, die unter anderem für

  • Aufgaben starten (Task Initiation),
  • Aufmerksamkeit halten und wechseln,
  • Priorisieren,
  • und Aufgaben abschließen

zuständig sind.

Bei Autismus, ADHS und anderen neurodivergenten Ausprägungen sind diese Funktionen nicht verlässlich abrufbar. Das bedeutet: sie funktionieren, aber nicht jederzeit, nicht gleichmäßig und nicht unabhängig vom Kontext.

Das Problem ist dann nicht die fehlende Motivation oder „Faulheit“, sondern:

  • Zu viele Entscheidungsschritte auf einmal: Was ist jetzt wichtig? Wo fange ich an? Was zuerst, was später? Priorisierung läuft bei mir nicht intuitiv. Stattdessen verliere ich mich in Planung und Organisation, um das Chaos im Kopf zu bändigen.
  • Zu starre Strukturen: Ein vorgegebenes System fühlt sich einengend an und erzeugt inneren Widerstand, statt mir Klarheit und Rahmenbedingungen zu geben.
  • Implizite Erwartungen: Man liest und hört vermeintliche Regeln – auf Plattformen oder von Coaches – nach dem Motto „So macht man das halt“ und „So gehört sich das.“ Dabei wird nicht klar, wann etwas gut genug ist und die Aufgabe beendet werden kann.

Unter diesen Bedingungen wird es schwer, Aufgaben überhaupt zu beginnen oder sie abzuschließen, ohne sich innerlich zu blockieren.

Zu viele Grenzen blockieren das Denken

Genau deshalb scheitern viele neurodivergente Menschen an „fertigen Systemen“ wie klassischen Blogs, Online-Magazinen oder der Erwartung, regelmäßig auf Plattformen wie LinkedIn zu posten. Diese Systeme setzen voraus, dass Denken, Struktur, Priorisierung und Abschluss gleichzeitig und konsistent funktionieren.

Für mich zeigt sich das zum Beispiel beim Schreiben: Ich habe viele Gedanken, Zusammenhänge und Beobachtungen und interessiere mich für viele verwandte Themen. Da kommt einiges zusammen. Aber sobald ich alles in ein fertiges Format pressen soll, blockiert mein Kopf.

Nicht, weil ich nichts zu sagen hätte, sondern weil zu viele Entscheidungen gleichzeitig getroffen werden müssen, weil alles gleich wichtig erscheint und weil ich mir selbst Druck mache, ein zu 120 % perfektes Endergebnis abzuliefern (weil „die anderen können es ja auch“).

Der Digitale Garten als Einstieg ohne Einstieg

Der digitale Garten entlastet die exekutiven Funktionen durch:

  • Lose Notizen: Unfertige Gedanken dürfen „geparkt“ werden, ohne dass sie sofort sinnvoll, vollständig oder verwertbar sein müssen. Danach können sie von selbst organisch weiter wachsen. Das senkt die Einstiegshürde ins Schreiben.
  • Fragmentierung: Gedankengänge müssen nicht abgeschlossen sein. Ich kann anfangen, ohne ans Ende denken oder sofort priorisieren zu müssen. Stattdessen kann ich meinen Hyperfokus oder Flow nutzen, solange er da ist.
  • Offene Struktur: Ein digitaler Garten wächst mit mir mit. Ich gebe mir selbst die Erlaubnis, die Struktur immer wieder anzupassen.

Das Gehirn darf sozusagen denken, ohne gleichzeitig organisieren zu müssen. Und das ist eine riesige Entlastung.

3. Druck reduzieren

Soziale und performative Erwartungen erzeugen einen ganz eigenen Druck.
Nicht, weil wir „zu sensibel“ sind oder uns „zu viele Gedanken machen“, sondern weil Systeme wie Social Media mehrere kognitive Anforderungen gleichzeitig stellen. Zum Beispiel:

  • Sichtbarkeit zur richtigen Zeit,
  • Reaktionen in Echtzeit,
  • Vergleich mit anderen,
  • implizite Erwartungen daran, wie Inhalte auszusehen haben
  • und eine klare Trennung zwischen „fertig“ und „nicht gut genug“.

Für neurodivergente, hochsensible oder erschöpfte Gehirne bedeutet das eine dauerhafte Überlastung exekutiver Funktionen. Zu viele Tabs offen. Error 404.

Warum dieser Druck neurologisch problematisch ist

Bei Autismus, ADHS und auch nach Burnout-Erfahrungen ist das Nervensystem häufig stärker auf Reizverarbeitung und Stressreaktionen eingestellt. Es kommt schwerer in einen Ruhe- oder Regenerationszustand und bleibt länger im Alarmmodus.

Plattformen wie Instagram oder TikTok kombinieren mehrere belastende Faktoren:

  • Unvorhersehbarkeit (Algorithmus, Reichweite, Reaktionen)
  • Soziale Bewertung (sichtbar für viele, oft ohne Kontext)
  • Zeitdruck (Regelmäßigkeit, Trends, „du musst dranbleiben“)
  • Multitasking (denken, formulieren, gestalten, posten, reagieren)

Das aktiviert das Stresssystem, während gleichzeitig kognitive Steuerung gefragt ist. Das Ergebnis ist nicht Motivation, sondern Blockade, Erschöpfung oder Vermeidung.

Das ist einer der Gründe, warum ich kein Instagram oder TikTok nutze. Es ist eine strategische Entscheidung für mein Nervensystem, die Platz für wichtigere Dinge schafft. LinkedIn nehme ich zähneknirschend als einzigen Distributionskanal in Kauf.

Der Ratschlag „Mach dir halt keinen Druck“ oder „Nehm es dir nicht so zu Herzen“ greift deshalb zu kurz. Der Druck entsteht nicht im Kopf, sondern im Zusammenspiel von Gehirn, Nervensystem und Struktur des Mediums.

Der digitale Garten als Safe Space

Ein digitaler Garten nimmt genau diese Stressoren raus:

  • Kein Algorithmus: Inhalte müssen niemandem gefallen. Sie dürfen einfach existieren. Denn der digitale Garten ist in erster Linie dein persönlicher Wissensspeicher.
  • Kein Timing: Gedanken haben ihren eigenen Rhythmus. Schreiben passiert dann, wenn Kapazität (oder der Hyperfokus) da ist.
  • Kein Vergleich: Es gibt keine Kennzahlen, die Leistung oder Relevanz sichtbar bewerten.
  • Schreiben als Denken, nicht als Produkt: Texte müssen nichts verkaufen, erklären oder beweisen. Sie machen unsere Denkprozesse sichtbar und lassen Expertise wachsen.

Dadurch wird Schreiben wieder zu dem, was es neurologisch eigentlich ist: ein Werkzeug zur Verarbeitung, nicht zur Selbstoptimierung.

Neben der emotionalen Entlastung bietet der digitale Garten auch ganz praktisch eine kognitive Funktion für chronisch überfüllte Gehirne:

4. Denken auslagern

Viele neurodivergente Menschen kennen das Phänomen „out of sight, out of mind“ sehr gut: Gedanken verschwinden aus dem Bewusstsein, wenn sie keinen konkreten Ort haben. Dinge geraten in Vergessenheit, Ideen bleiben ungenutzt, und das ständige „sich etwas merken wollen“ erzeugt Stress.

Ich habe so eine Angst davor, etwas Wichtiges zu vergessen, dass ich in den letzten Jahren total viel digitalen Müll angesammelt habe, weil ich zig verschiedene Organisations-Tools getestet und genutzt habe. Seit gut einem Jahr bin ich nun dabei, eine digitale Ordnung herzustellen und habe ich im ersten Schritt von zahlreichen Tools verabschiedet.

Gedankenkarrussel 24/7

Wie so vieles im Leben ist das ebenfalls ein Prozess und der aktuelle reduzierte Stand sieht bei mir so aus (und ja, ich habe alles tatsächlich gezählt.):

  • 153 Lesezeichen im Browser
  • 75 YouTube-Videos, die ich „später ansehen“ möchte.
  • 47 geöffnete Tabs auf dem Smartphone
  • 20 geöffnete Tabs auf dem iPad
  • 89 digitale Notizen
  • 184 Erinnerungen in meiner To-Do-Liste
  • 39 Fragmente für meinen digitalen Garten in Obsidian

Für mich sind das alles wichtige und relevante Sachen (Priorisierung sucessfully failed), die ich nicht vergessen will. Diesen Prozess nenne ich „Ausspeichern“, weil ich Sachen für später auslagere und sie somit keinen wertvollen Arbeitsspeicher im Gehirn mehr belegen.

Für neurodivergente Gehirne, die schnell überladen oder stark von Reizen abgelenkt werden, reduziert dieser Prozess Stress und erlaubt fokussiertes Denken.

Der digitale Garten als kognitives Hilfsmittel

Meine Gedanken sammle ich im ersten Schritt in dem Organisations-Tool Obsidian. Dort landen Links zu Artikel oder YouTube-Videos, offene Fragen, die ich mir stelle oder Notizen zu Gedankengängen oder interessanten Zitaten, die ich gelesen habe.

Und das klappt wunderbar leicht, denn in Obsidian lenkt mich nichts ab: Keine anderen offenen Tabs oder das nur einen Klick entfernte Internet, wie wenn ich direkt in WordPress schreiben würde. Kein Verlieren in Formatierung oder der Angst vor dem leeren weißen Dokument, wie wenn ich in Word oder einem anderen Text-Programm schreiben würde. Ich brauche nur ein paar Markdown-Kniffe (externer Link), um meine Links und Überschriften einzufügen und schon geht’s los. Und das beste daran – seien wir ehrlich – ist der Dark-Mode!

Wenn ich dann zu einer Frage oder einem Thema ein Grundgerüst geschrieben habe, stelle ich es hier öffentlich in meinen digitalen Garten auf meiner Website. So wird er für mich nach und nach der zentrale Knotenpunkt, in dem all mein Wissen Wurzeln schlägt und weiter wachsen darf:

  • Gedanken werden gespeichert, bevor sie vergessen werden.
  • Informationen werden sichtbar und wiederauffindbar durch Verlinkungen zwischen Notizen.
  • Ideenentwicklung und Aufbau komplexer Zusammenhänge entstehen schrittweise und organisch im Laufe der Zeit, ohne dass das Gehirn alles aktiv ordnen muss.

Und ohne dass mein Gehirn überladen wird.

So sehen die Verbindungen meiner Notizen in dem Organisations-Tool Obsidian aus.

5. Digitale Gärten sind digitale Selbstfürsorge

Für mich ist der digitale Garten mehr als ein Content-Format. Er ist eine Form von Selbstfürsorge und mentaler Nachhaltigkeit. Er erlaubt mir, Wissen zu sammeln, mich über mein Spezialinteresse zu regulieren und jederzeit meine Gedanken wieder aufzunehmen.

Nach meinen Regeln, nach meinem Rhythmus und in meinem Denken. Digitale Selbstbestimmung auf kognitiver Ebene sozusagen.

Für neurodivergente Menschen ist der digitale Garten besonders wertvoll, weil er:

  • exekutive Funktionen entlastet,
  • ein Netzwerk für assoziatives Denken bietet,
  • Denken erlaubt, bevor es produktiv sein muss,
  • und einen Raum ohne Zwang und mit voller Selbstbestimmung schafft.

Der digitale Garten passt sich dem individuellen Denken an, nicht umgekehrt. Er ist kein Produktivitäts-Hack, sondern ein kognitives Hilfsmittel, das Denken erleichtert, Stress reduziert und Raum für echte Kreativität schafft.

Vielleicht ist ein digitaler Garten auch für dich ein Weg, den Druck rauszunehmen und deinem Kopf den Raum zu geben, den er braucht? Denk daran: Dein Garten muss niemandem gefallen, außer dir selbst. Er darf wild wachsen, er darf Lücken haben und er darf sich jederzeit verändern.

Wenn du Lust hast, mich beim Pflegen meines Gartens zu begleiten und mehr über digitale Selbstbestimmung zu erfahren, lade ich dich in meinen Newsletter ein. Dort teile ich keine polierten Erfolgsgeschichten, sondern echte Zwischenschritte, unfertige Gedanken und interessante Tools. Immer dann, wenn es mein Nervensystem erlaubt.

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